„Frauen, empört euch!“ – ARTE und die #MeToo-Debatte

„Heucheln, das Wort klingt schlecht, drum nennt man’s Takt.“ (Carl Spitteler)

metoo

Foto: Privat, Graffito von NAFIR

Das Jahr 2017 war nicht nur bestimmt von dem weiteren Erstarken rechtspopulistischer Parteien in Europa, der missglückten deutschen Koalitionsbildung und wirren Staatschefs in den USA und anderswo. Was Donald Trumps „Pussygate“ mit seiner expliziten Verfügungsgewalt über den weiblichen Körper nicht geschafft hat, schaffte der Skandal um Harvey Weinstein mit einer Leichtigkeit, die nach wie vor verblüfft: den Sexismus und die daraus resultierende sexuelle Gewalt an Frauen weltweit zum Thema zu machen. Inwieweit die #MeToo-Debatte langfristig mehr als nur ein Medienhype ist oder doch einen Grundstein gelegt hat für ein fortwährendes Sprechen über den Sexismus in unseren Gesellschaften, muss sich erst noch herausstellen. Dennoch dürften die zahlreichen Schilderungen von betroffenen Frauen (und Männern), aber auch die breite mediale Rezeption viele – Männer wie Frauen – zum Nachdenken über ihre eigene Erfahrungen und ihr Verhalten angeregt haben.

Kulturkanal ARTE

Der deutsch-französische Sender ARTE versteht sich laut Website als „europäischer Kultursender und Begleiter des Zeitgeschehens“. Als Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland wird ARTE gebührenfinanziert und unterliegt damit auch dem Bildungsauftrag, ausgewogen und unabhängig zu informieren. Dass ARTE den Hashtag MeToo zum Anlass nimmt, unter dem Titel „Frauen, empört euch!“ eine Sammlung von Videos über Frauen – Künsterinnen, Musikerinnen, Politikerinnen und Abenteuererinnen – anzubieten, ist an sich ein lobenswertes Unterfangen. Vollmundig beworben wird die Zusammenstellung jedenfalls: „Eine 18-jährige Poetry-Slammerin, die Gewalt gegen Frauen in Indien anprangert; saudische Frauen, die sich gegen die Männerherrschaft auflehnen; dänische Frauen, die offen über ihre sexuellen Erfahrungen sprechen – ARTE reist um die Welt und zeigt Ihnen Frauen, die sich wehren, die kämpfen, die aufbegehren. Unser Beitrag zu #Metoo.“ Bildungsauftrag erfüllt, wird da signalisiert.

Nur eine „Playlist“

 

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Foto: Screenshot ARTE

Doch schon bei der Kategorisierung der Beiträge wird man stutzig, denn sie befinden sich nicht in der Rubrik „Aktuelles und Gesellschaft“, in der ARTE (gesellschafts-) politische Themen einordnet, sondern wird als „Playlist“ angezeigt. „Frauen, empört euch!“ ist folglich keine eigene Sendereihe, sondern nur eine Zusammenstellung einiger, bei genauerem Hinsehen doch recht beliebiger Sendungen zum Thema „Frau“. Von „Mit dem Auto um die Welt – Clärenores Abenteuer“ über „Art of Gaming – Women as Heroes“ bis zu „Eleanor Roosevelt – Mehr als eine First Lady“ reichen die Beiträge. Dokumentationen, Interviews, Kurzberichte sind hier zu finden. Will man einen verbindenden Faktor festmachen, so ist dies sicher das Themenfeld „Selbstermächtigung“. Ein darüber hinausgehender Zusammenhang ist nicht zu erkennen, zumal die Suchfunktion der Website beim Begriff „Frauen“ zahlreiche weitere Videos zu dem Thema anzeigt, die es aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht in die Rubrik geschafft haben, wie z.B. „Russland: Gewalt gegen Frauen – ARTE Reportage“ oder „Pro Quote Bühne: Frauen an die Macht“. ARTE hat, im Gegensatz zu vielen anderen Sendern, ein Bewusstsein für feministische Themen und bringt viele Reportagen zur Kulturgeschichte der Frauen weltweit. So sind auch einige der „Frauen, empört euch!“-Sendungen sehenswert und spannend.

Ein Beitrag zu #MeToo?

Dennoch bleibt der Eindruck eines Sammelsuriums von Beiträgen unterschiedlichster Formate und Inhalte. Nur vier der Sendungen dauern länger als eine halbe Stunde, die Mehrheit sind Kurzdarstellungen in Minutenlänge. Dokumentationen aus anderen Reihen (Vergissmeinnicht, Metropolis, Tape, Mädels am Controller), Ausschnitte und ältere Videos füllen das Portfolio einer Playlist, die, nach eigener Ankündigung, einen Beitrag zur #MeToo-Debatte leisten möchte. Mit der Breite der Inhalte wird eine diskursive Vielfalt vorgetäuscht, anstatt dem Thema Sexismus und sexualisierter Gewalt und in dem Zusammenhang der #MeToo-Bewegung eine eigene Sendereihe zu widmen. Worin die Mitwirkung von ARTE an der so wichtigen aktuellen Debatte bestehen soll, ist jedenfalls in Anbetracht dieser zusammengestückelten Playlist nicht erkennbar. Ein wenig mehr Mühe und Aufmerksamkeit, beispielsweise mit Interviews der Initiatorinnen von #MeToo oder eigens produzierten Dokumentationen, sind von einem Sender, der von unser aller Gebühren mitfinanziert wird und der fundiert über politische und soziale Entwicklungen in den europäischen Gesellschaften berichten will, auf jeden Fall zu erwarten.

Nachtrag: ARTE hat nachgelegt und zeigt nun einige Sendungen zum Thema.

 

 

 

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