„Stone Butch Blues“ – eine amerikanische Passion

„Ein Leid, das schweigt, befiehlt dem übervollen Herzen: Jetzt zerbrich.“ (William Shakespeare)

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Foto: Privat

Warum ein viel besprochenes, berühmtes Buch rezensieren? Seit über zwanzig  Jahren berührt Leslie Feinbergs Roman „Stone Butch Blues“ seine Leser*innen; die Geschichte eines Kampfes um Selbstbehauptung und Freiheit gilt mittlerweile als queerer Klassiker. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen Roman aus der amerikanischen Vergangenheit, der den Lebens- und Leidensweg der jüdischen Butch Jess Greenberg nacherzählt. Vom kleinbürgerlichen Milieu ihres familiären Umfelds bis zu den damals noch subkulturellen großstädtischen Szenen durchwandert die Protagonist*in Orte queeren Lebens mit all ihren Gefahren und Freuden, sie erfährt Liebe, Solidarität, Freundschaft und immer wieder Hass. Ein Hass, der sich tief in den Körper einprägt, der Narben auf dem Ich hinterlässt, der tötet.

Geschichten von Gewalt

Sichtbar nicht den heterosexuellen Normen zu entsprechen machte viele Homosexuelle im Amerika der 1950er- und 1960er-Jahre zu Opfern betrunkener Jugendlicher und sadistischer Cops. Jess erlebt Gewaltexzesse – Vergewaltigungen, Schläge, Demütigungen. Aber auch die Gehässigkeiten heterosexueller Frauen und sogar die Ablehnung von Teilen der lesbischen Emanzipationsbewegung  begleiten ihren Alltag. Angesichts dieser Situation erscheint die Einnahme von Testosteron mit der Folge der optischen Vermännlichung eine geradezu lebensrettende Maßnahme. „Ich sah, daß ich als Mann durchging, aber selbst ich konnte das kompliziertere Ich unter der Oberfläche nicht mehr erkennen.“ Letztendlich findet sie zu sich selbst, zu ihrem Leben als Butch in einer unbarmherzigen Welt. Der Roman ist in der Tat ein „Blues“, eine melancholische Reise durch die prägenden Jahrzehnte der (amerikanischen) Emanzipationsbestrebungen. In der Reihe von Schicksalsschlägen und Übergriffen wird die Gefährdung queeren Lebens überdeutlich sichtbar. Man fragt sich während des Lesens häufig, wie ein einzelner Mensch so viel Ablehnung ertragen und dennoch weiterleben kann. Zeitweise wirkt der Text überfrachtet von Gewalterfahrungen und anderen Katastrophen, vom Wohnungsbrand bis hin zum wiederholten Verlust der Arbeit. Der versöhnliche Schluss kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier in erster Linie eine amerikanische Passionsgeschichte erzählt wird.

Von der Kraft der Fiktion

Parallelen zwischen den Biografien der Protagonist*in des Buches und dem/der Autor*in Leslie Feinberg (1949-2014) sind nicht zu übersehen – die Herkunft, die kommunistischen Überzeugungen, der Kampf um Anerkennung, die Selbstbehauptung unter erschwerten Bedingungen. Dennoch betonte Feinberg stets, dass „Stone Butch Blues“ keine Autobiografie sei – offenbar wurde das Buch von vielen als authentischer Bericht aus einer vergangenen Epoche queerer Emanzipation wahrgenommen. Letztendlich spielt die Frage nach der Fiktionalität des Textes aber keine Rolle, denn der Nachhall dieser Geschichte in den Herzen, in den Gedanken seiner Leser*innen ist gewiss. Dazu Leslie Feinberg: “Never underestimate the power of fiction to tell the truth.”

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