Das Haupt der Medusa oder „Frauen und Macht“

„Idealisierung und Domestikation – dazwischen steht nichts.“ (Silvia Bovenschen)

Die Antike gilt nicht nur als Wiege der westlichen Kultur, ihre Ideen, Vorstellungen und Mythen prägen uns auch heute noch. Hillary Clinton als geköpfte Medusa und Donald Trump als siegreicher, schwertschwingender Perseus – im letzten amerikanischen Wahlkampf wurde dieses Bild in verschiedenen Versionen von Trumps Unterstützern im Internet verbreitet und sogar auf T-Shirts und Kaffeetassen gedruckt. Bloß eine weitere Posse im skandalreichen US-Wahlkampf? Mitnichten, wie das Werk „Frauen und Macht“ der Althistorikerin Mary Beard belegt. Zwei Vorträge aus den Jahren 2014 und 2017 bilden die Grundlage des Buches, das die Traditionslinien des (Ver-) Schweigens aufzeigen will: „Die abendländische Kultur ist seit Jahrtausenden geübt darin, Frauen den Mund zu verbieten“, so Beard.

Antike Ausschlüsse

Es ist hinlänglich bekannt, dass die griechischen Stadtstaaten, gemeinhin als Ursprünge der Demokratie gefeiert, nicht nur Sklaverei zuließen, sondern auch systematisch Frauen vom Wahlrecht ausschlossen.

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Buchcover (Foto: Privat)

Und auch in den literarischen Gründungsmythen Europas, von Homers Odyssee über Ovids Metamorphosen, finden sich Erzählungen, in denen Männer Frauen zum Schweigen bringen, sie auf ihren vermeintlich „natürlichen“ Platz in der Gesellschaft verweisen. Beard identifiziert dabei drei Ausnahmesituationen, in denen Frauen gelegentlich die Möglichkeit öffentlichen Sprechens eingeräumt wurde: Als Opfer/Märtyrerinnen dürfen sie ihren eigenen Tod ankündigen, sie dürfen für andere Frauen eintreten und als Ehefrau und Mutter ihr Heim, ihre Kinder und ihren Ehemann verteidigen. Dabei listet die Autorin nicht nur misogyne Versatzstücke der antiken Schriftkultur auf, sondern entlarvt die Konstruktion von Männlichkeit in den antiken Gesellschaften als Ergebnis der Frauenunterdrückung. In den Praktiken des Sprechens und des Schweigens spiegeln sich die Geschlechtergrenzen wider: Eine Frau, die spricht, sei gar keine.

Von Göttinnen und Frauen

Dennoch dient die Antike vielen Feministinnen geradezu als Steinbruch für emanzipative Ermächtigungsfantasien. Von der Kriegsgöttin Athene bis hin zu den Amazonen – die mythologischen Frauenfiguren scheinen eine andere Geschichte zu erzählen als die der Hausfrauen, Mütter, Kurtisanen und Sklavinnen.

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Foto: Privat

Beard beurteilt diese Vereinnahmung kritisch, die vermeintlichen Rollenvorbilder entpuppen sich bei genauerer Analyse als ambivalente Gestalten oder auch als Leidtragende männlicher Herrschaft. Beispielsweise dienten die Amazonen vor allem dazu, die männliche Ordnung vor der Folie des weiblichen Chaos‘ herauszustellen. „Die einzig gute Amazone, so lautete die Grundbotschaft, war eine tote, oder […] eine, die im Schlafzimmer gebändigt worden war“, schreibt Beard. Auch Medusa, die Gorgone mit  dem tödlichen Blick, ist ein Opfer maskuliner Gewalt – für ihre eigene Vergewaltigung wurde sie mit einem abschreckenden Äußeren bestraft (Ovid), von Perseus mit Athenes Hilfe enthauptet und ihr Kopf auf das Schild der Göttin Athene genagelt. Mächtige Frauen waren also in der Antike, ob im Mythos oder im Alltag, ein Fehler der Natur, den es auszumerzen galt. Als Archetypen weiblicher Autorität taugen sie daher nicht.

Männliche Rhetorik und weibliche Macht

Warum in die Antike blicken? Hält die Moderne nicht genug andere Rollenmuster für uns bereit? Nicht die zeitliche Distanz, sondern vielmehr die auch heute noch wirksamen rhetorischen Mittel schließen Frauen von der Macht aus. Wir sind die Erb*innen antiker Sprechstrategien und Überzeugungstechniken – und somit ist unsere Meinung vor allem dort gefragt, wo es um sogenannte „Frauenthemen“ geht. Abseits dieses Themenspektrums sind Frauen deutlich mehr Anfeindungen und Gewaltandrohungen ausgesetzt als Männer. Die bloße Imitation maskulinen Redens kann nicht die Lösung sein. Beard plädiert für neue weibliche Vorbilder, die Macht und Einfluss auf ihre eigene Weise inszenieren.Zurück zum US-Wahlkampf: Als die Komödiantin Kathy Griffin auf Twitter ein Foto mit Trumps abgehacktem Kopf zeigte, verlor sie nicht nur ihren Job, sondern wurde in der Folge sogar zum Beobachtungsobjekt des Secret Service. Bei Hillary Clintons illustrativer „Enthauptung“ dagegen gab es keinen Aufruhr. „Nobody said a word!“, beschwerte sich die Präsidentschaftskandidatin später. Gebracht hat es ihr nichts. Tassen und T-Shirts sind noch immer erhältlich.

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